BVK Infoveranstaltung 13.10.2007 in Geseke


Wirtschaftliche Kaninchenhaltung aus unterschiedlicher Perspektive

Die Diskussion rund um die wirtschaftliche Kaninchenhaltung führte im Frühjahr des Jahres dazu, dass der Lebensmitteleinzelhandel kurzfristig Kaninchenfleisch aus dem Angebot zurückgezogen hat. Intensive Gespräche auf verschiedenen Ebenen führten letztlich zur Verabschiedung von Haltungsempfehlungen für Kaninchen durch die Gütegemeinschaft Ernährung (gge), die vom Handel in dieser Form akzeptiert werden. Betriebe, die diese Empfehlungen in ihrem Haltungssystem umsetzen, dürfen jetzt wieder Kaninchen an den Handel liefern. Diese gge-Empfehlung basiert im Wesentlichen auf den aktuellen Vorgaben der World Rabbit Science Association (WRSA), die auch vom Bundesverband Deutscher Kaninchenfleisch- und -wollerzeuger (BVK) für seine Mitglieder empfohlen werden.

Voraussetzung für ein funktionierendes System ist eine wirksame Kontrolle der Vorgaben. Dabei sind die gge-Empfehlungen nicht auf deutsche Produktionsstätten beschränkt, sondern gelten international.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung hat der BVK seine Mitglieder am 13.10.2007 nach Geseke zu einer Informationsveranstaltung eingeladen, bei der die wirtschaftliche Kaninchenproduktion aus unterschiedlichen Aspekten beleuchtet wurde.

Ethische Aspekte zur Kaninchenhaltung

Im ersten Beitrag ging Prof. Dr. Peter Kunzmann vom Ethikzentrum in Jena auf die Haltung vom Wirtschaftskaninchen aus ethischer Sicht ein. Mit Peter Kunzmann nahm erstmals ein Ethiker zu dieser interessanten Frage Stellung. Für Kunzmann ist klar, dass jede Haltung – egal zu welchem Zweck – einen Eingriff in das tierische Verhaltensmuster bedeutet. Nach seinen Ausführungen ist bei jedem System zu prüfen, ob gerade dies das jeweils optimale ist oder ob es bessere Lösungen im Sinne des Tieres gibt. Nur wenn alle Aspekte aus Sicht der betroffenen Tiere sorgfältig abgewogen wurden, kann das System als solches akzeptiert werden. Kunzmann erläuterte, dass die Vorstellung der Verbraucher von Landwirtschaft geprägt sei durch Bilder, die in der Realität so schon lange nicht mehr anzutreffen seien. Dabei spielt das Kaninchen in der Vorstellung der Verbraucher kaum eine Rolle, wenn diese sich ein Bild von einem Bauernhof machen. Vielmehr sind Kaninchen mit ‚Kuscheltier’ besetzt, und nicht selten prägen die Vorstellungen der Heimtierhaltung die Ansprüche des Verbrauchers an Kaninchenhaltung. Dass dies mit der Realität nichts zu tun habe und dass auch und gerade die Heimtierhaltung aus ethischer Sicht nicht ohne Probleme sei, wurde in seinen Ausführungen klar. In seinem Fazit machte Kunzmann sehr deutlich, dass wirtschaftliche Tierhaltung und damit auch wirtschaftliche Kaninchenhaltung aus ethischer Sicht sehr wohl möglich ist, dabei die Ansprüche des Tieres allerdings immer im Mittelpunkt der Haltungssysteme zu stehen haben. Beim Abwägen verschiedener Alternativen gilt, dass gut ist, was Leiden mindert, und schlecht ist, was Leiden vermehrt. Immer wieder wurde deutlich, dass bei weltanschaulich neutraler Betrachtung für jede Haltung gilt, dass das Zufügen von ‚Leiden’ ein Übel sei.

Tierschutzanforderungen an Haltungssysteme

Dr. Bodo Busch referierte zur wirtschaftlichen Kaninchenhaltung aus Sicht der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT). Busch führte aus, dass in der aktuellen TVT-Haltungsempfehlung für Kaninchen die wirtschaftliche Kaninchenhaltung nicht berücksichtigt sei – um so bedauerlicher, dass amtlicherseits gerade diese Empfehlung zur Beurteilung der Kaninchenhaltung häufig herangezogen wird. Busch führte aus, dass die TVT sehr wohl den Anspruch wirtschaftlicher Kaninchenhalter an Haltungssysteme sehe und von daher auch bei der TVT eine Konzentration auf wirtschaftliche Kennziffer erfolge. Dabei stehe immer die Frage im Vordergrund, ob die wesentlichen Bedürfnisse der Tiere durch das Haltungssystem erfüllt werden. Im Ergebnis stellte Busch fest, dass die aktuellen Haltungssysteme in der Regel nicht den TVT-Vorstellungen entsprechen; er forderte für Häsinnen und wachsende Kaninchen die zweite Ebene in der Box und je Box mindestens 2 Tränkenippel zur freien Wasserversorgung. In allen Produktionsstufen ist den Kaninchen Beschäftigungsmaterial anzubieten und die Besatzdichte ist gegenüber der heutigen Haltung zu reduzieren. In der Produktion hat sich der 42-Tage- Rhythmus bewährt, und kürzere Produktionsrhythmen werden von der TVT folglich abgelehnt. Die Beschaffenheit des Boxenbodens sollte aus nicht rostendem Stahl – evtl. in Kombination mit Kunststoff – sein.

Wissenschaftliche Basis der Empfehlung zur Kaninchenhaltung

Den Abschluss der Vorträge zur Kaninchenhaltung bildete das Referat von Prof. Dr. Steffen Hoy von der Uni Giessen. Hoy ist mit seinem Institut aktuell führend in der Forschung rund um’s Kaninchen, und er konnte sehr gut den breiten wissenschaftlichen Hintergrund der WRSA-Empfehlung zur Kaninchenhaltung begründen. Aktuell erfolgt in seinem Institut eine neue Untersuchung zur Kaninchenhaltung im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMELV). Hoy konnte anhand von Bildern eindrucksvoll vermitteln, dass die internationale Kaninchenhaltung noch weit entfernt sei von den deutschen Empfehlungen. Mit Abschluss des aktuellen Forschungsauftrages aus Bonn ist davon auszugehen, dass mit dem dort dazu gewonnenen Wissen bereits 2009 die WRSA-Empfehlungen neu definiert werden könnten.

Rechtssicherheit gefordert

In einer lebhaften, intensiven Diskussion machten die BVK-Mitglieder deutlich, dass bei der Formulierung von Haltungssystemen ein möglicher großer Konsens aller Beteiligten angestrebt werden sollte. Erst wenn eine möglichst große Rechtssicherheit bezüglich der Haltungssysteme besteht, kann davon ausgegangen werden, dass Produzenten wieder in Technik investieren werden. Zwar waren sich von der Ratio her alle darüber im Klaren, dass Tierschutzforderungen unabhängig von der Nutzung bei jeder Haltung einzuhalten sind, doch vom Gefühl her werden wirtschaftlich produzierende Kaninchenhalter stets eher mit einer nicht tierschutzgerechten Haltung in Verbindung gebracht, als dies bei Haltern der Fall ist, die nur wenige Kaninchen halten. Objektiv ist dabei häufig der Tierschutz bei wirtschaftlich produzierenden Mästern deutlich besser ausgestaltet; mit dieser Assoziation, dass in wirtschaftlichen Kaninchenproduktionen das Einzeltier untergeht, müssen die Produzenten leben und durch optimale Haltungsbedingungen dafür sorgen, dass ihre Produktionsbedingungen in der Öffentlichkeit akzeptiert werden.

Zertifizierung von Kaninchenmastbetrieben

Der BVK-Vorsitzende Hans-Jürgen Lammers ging in seinem abschließenden Beitrag auf die Zertifizierung der Kaninchenbetriebe gemäß gge-Empfehlungen ein. Dabei machte er deutlich, dass die BVKVerantwortlichen stets ausschließlich die Zertifizierung des Haltungssystems mit der gge besprochen haben. Die darüber hinausgehenden neuen gge-Anforderungen zur Erlangung eines Qualitätssiegels für den Handel waren nicht Gegenstand der BVK-Verhandlungen. In diesem Bereich finden aktuell laufend intensive Gespräche statt mit dem Ziel, auch für diesen Bereich eine gangbare Lösung für die Praxis zu finden. Lammers betonte, dass es nach wie vor dringendes Ziel des BVK’s sei, mit dem Gesetzgeber eine rechtsverbindliche Haltungsrichtlinie zu verabschieden, die für alle Produzenten in der Bundesrepublik Deutschland die erforderliche Planungssicherheit für ihre Betriebe bringen kann.

Dr. Werner Ziegler

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